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Marjellchen


KLAPPENTEXT


Die Mutter stirbt und das ist immer ein gegebener Anlass, auf ihr Leben einen intensiven Blick zu werfen. „Marjellchen“ ist ein inzwischen schon fast ausgestorbener Begriff, das sagen die Leute in Ostpreußen zu einem „Mädchen“. Marjellchen Irmgard, Jahrgang 1928, wächst behütet in ihrer Familie im ostpreußischen Gumbinnen auf. Mit zwölf Jahren, fast dreizehn, beginnt sie 1941, ein Tagebuch zu schreiben. Nach ihrem Tod liest die Tochter dieses Tagebuch. Schnell wird klar, welchem Druck das kleine Mädchen standhalten muss, als es zu schreiben beginnt: Der Krieg mit Rußland hat gerade begonnen und die Bedrohung ist schon bald spürbar. Nach kurzer Zeit merken die Menschen selbst im ruhigen Ostpreußen, dass die ersten Todesfälle Lücken in die Familien reißen. Trotzdem vergehen noch Jahre, bis die kleine Familie, inzwischen ganz ohne Männer, auf abenteuerlichen Wegen nach Schleswig-Holstein flüchten muss. Das immer wieder eindringliche Dokument des Tagebuchs begleitet sie auf ihrem Weg.

In Schleswig an der Schlei angekommen, ist der Krieg schon nach wenigen Tagen vorbei. Die kleine Stadt in der Nähe vom völlig zerstörten Kiel nimmt tausende von Flüchtlingen auf. Sie bietet im ersten Sommer nach Kriegsende wieder ein wenig heile Welt: Badefreuden im Haddebyer Noor, Bekanntschaften mit anderen jungen Leuten, manchmal auch Treffen mit einigen Menschen aus der alten Heimat. Irgendwann geht dann auch die Schule wieder los und gibt dem aus den Fugen geratenen Leben neue Struktur. Doch die tiefen Wunden, die der Krieg aufgerissen hat, bleiben.

Selbst in der nächsten Generation, von der man sagt, sie hätten die „Gnade der späten Geburt“ gehabt, selbst dort ist noch viel von den niemals therapierten verwundeten Seelen der Elterngeneration zu spüren. So bietet dieses Buch einen Blick auf das Schicksal der Ostpreußenkinder, gesehen aus den Augen der Nachkriegsgeneration. Auch die deutsche Wissenschaft kümmert sich inzwischen verstärkt um das Schicksal dieser vielen Kriegskinder. So kann man dieses Buch als einen Beitrag sehen, der die wissenschaftlichen Forschungen mit den Erfahrungen der eigenen Kindheit der Autorin bereichert.

VAS-Verlag Bad Homburg, 2012, ISBN 978-3-88864-481-8, 14,80 Euro.

Rezension von Hans Peter


5.0 von 5 Sternen Ungestillte Sehnsucht, 14. September 2012

"Marjellchen" ist das tiefbeglückende Ergebnis einer sehnsuchterfüllten Suche zweier Generationen zueinander: Mutter und Tochter. Wer die Zertrümmerung Europas im zweiten Weltkrieg selber miterlebte oder durch die Eltern vermittelt bekam, wird, so wie ich, tief versöhnt weiterleben können. Die Autorin hat mit intimer Einfühlsamkeit den seelischen Schäden nachgespürt, die jede kriegerische Auseinandersetzung in die engsten menschlichen Beziehungen bringt. Mir gefiel besonders die Wahl ihrer Sprache: Ein Kind dieser Zeit, redet sie mit der Sprache dieser Zeit. Wenn auch das Thema zurückreicht in eine längst verlorene Zeit, deren Sprache sich noch an Hölderlin und Rilke orientieren konnte. Es gibt in diesem schmalen Band Momente, in denen man die Tränen nicht zurückhalten mag. Ich möchte das Buch besonders den Lesern empfehlen, die eine Sehnsucht verspüren nach der auf immer verlorenen Heimat.

Irmgard Nern 1937 in der Adolf-Hitler-Schule in Gumbinnen/ Ostpreußen (vorher: Erste Gemeindeschule Gumbinnen)

Rezension von Claudia Knauer, Der Nordschleswiger


Kriegskinder

Strande - clk. Dass die Schrecken des Zweiten Weltkriegs ihren langen Schatten nicht nur auf die direkt betroffene, sondern auch auf die folgenden Generationen geworfen haben, ist mittlerweile bekannt. Diejenigen, die im Krieg Kinder waren und Schreckliches miterleben mussten, sind mittlerweile alt geworden und leiden noch immer – wenn auch schweigend. Es leiden aber oft auch ihre Kinder, Kriegskinder in zweiter Generation.
Gabriele Schreib, selbst Jahrgang 49, hat sich in ihrem Buch „Marjellchen“ (VAS, 14,80 Euro) diesem verborgenen Schmerz genähert. Anlass war der Tod ihrer Muter, die als Ostpreußenkind ihre Heimat hinter sich lassen musste und diese Leerstelle niemals ganz füllen konnte - mit Folgen nicht nur für ihr eigenes Leben, sondern auch für das ihrer Tochter.

Die Annäherung zwischen den beiden ist schwierig, wie Gabriele Schreib schonungslos offenlegt, ohne voyeuristisch zu werden. Die Tochter bekommt nach dem Tod Einblicke in das Leben ihrer Mutter, weil sie ihr Tagebuch, das diese als 12-Jährige 1941 begonnen hatte zu schreiben, liest. Ihre Erlebnisse und ihr Umgang damit, das Begraben tief drinnen, das Weitermachen, nicht Nahekommenlassen, stehen dabei beispielhaft für eine ganze Generation.

Gabriele Schreib kombiniert in „Marjellchen“ - dem ostpreußischen Ausdruck für Mädchen - die Tagebucheinträge ihrer Mutter mit ihren eigenen Beobachtungen und Kommentaren. Der schmale Band kann denen, deren Eltern auch Krieg miterlebt haben, die z. B. nach Schleswig-Holstein flüchten mussten, die Augen öffnen für die Traumata einer Generation, die sich weit ins 21. Jahrhundert hineinziehen und sie selbst berühren.

Aabenraa, 17. Oktober 2012

Rezension "Kieler Nachrichten" vom 13.12.2012

Eine einfühlsame Rezension von Cornelia Müller

Rezension von Dr. Cornelia Riechers

4.0 von 5 Sternen Das Erbe der Nachgeborenen - Trauma und tiefe Verbindung zur Heimat, 24. April 2014
Von Dr. Cornelia Riechers "Quality Outplacement"

In diesem Buch fragt die heute 64-jährige Autorin Gabriele Schreib, warum ihr Verhältnis zu ihrer Mutter, dem Marjellchen (ostpreußisch für Mädchen) Irmgard Nern aus Gumbinnen, stets so von Spannung belastet war. Schreib knüpft die Verbindung zu den Kriegs- und Vertreibungserlebnissen ihrer Mutter, die sie unter anderem mit Hilfe von deren Tagebüchern nachvollzieht.

Mit diesem Zusammenhang beschäftigt sich inzwischen auch die Wissenschaft. Empirisch lässt sich feststellen, dass in den Seelen der Nachkommen noch viel von den niemals verarbeiten Traumata ihrer Eltern zu spüren ist. Diese wissenschaftliche Erkenntnis illustriert und untermauert die Autorin durch ihre autobiografischen Erlebnisse, die als typisch für die Generationen der Kriegskinder und Kriegsenkel gelten können.

Die Tochter

Gabriele Schreib, 1949 in Schleswig geboren, wächst in einem Haushalt ohne Männer auf, mit Mutter, Tante und Oma. Die drei Frauen sind durch ihre Erlebnisse von Krieg, Gewalt, Zerstörung, Flucht, Tod des Vaters und Ehemanns und Verlust der Heimat schwer traumatisiert. Mutter und Großmutter sind nicht einmal imstande, das Erlebte in Worte zu fassen.

Die kleine Gabriele vermisst Liebe und Wärme von ihrer Mutter. Die Mutter kann keine Nähe zulassen und hat auch keine Milch für den Säugling. Bei Mutter, Tante und Oma erlebt das kleine Mädchen eine große, schwere Traurigkeit über den Verlust der ostpreußischen Heimat. Zudem ist der Großvater noch in den letzten Kriegstagen auf der Flucht umgekommen. Die Mutter spricht ihr Leben lang nicht über diese Erfahrungen, stürzt sich stattdessen in Träume und später in exzessive Reisen.

Die Mutter

Erst viel später erkennt die Tochter, wie das Verhalten der Mutter geprägt ist durch deren Kriegs- und Vertreibungserlebnisse. 1928 geboren, erlebt Irmgard Nern eine behütete Kindheit in Ostpreußen. Die ist mit Kriegsbeginn schlagartig zu Ende. Schon als zwölfjährige Schülerin muss Irmgard in Gumbinnen Lazarettdienst tun und verwundete Soldaten mit amputierten Armen und Beinen und blutenden, eitrigen Wunden pflegen. “Wir waren mit unseren zwölf Jahren eigentlich gar keine Kinder mehr”, schreibt sie später. Zum ersten Mal flüchten muss sie 1940, weil die Front nur 30 Kilometer entfernt ist. Danach wird es aber wieder ruhiger in Ostpreußen, und sie kann zu ihren Eltern zurückkehren. 1944 und 1945 auf der endgültigen Flucht, die mehrmals hin und her verläuft, sieht die 17-Jährige mehr Ruinen, Trümmer, brennende Häuser, Tote und Verwundete, als sie jemals verkraften kann. Mehrfach kommt sie nur knapp mit dem Leben davon.

Nach diesen Erlebnissen fehlt ihr die Kraft für ein wirklich erfülltes Leben. Den Mangel an innerer Freude kompensiert die erwachsene Irmgard durch exzessives, zwanghaftes Reisen. Bis zu fünfzehn Reisen unternimmt sie pro Jahr, die Wochenendurlaube noch nicht einmal mitgerechnet. Immer wieder das Zuhause verlassen, immer wieder Abschied nehmen - eine ständig wiederkehrende Re-Inszenierung der erzwungenen Flucht aus der Heimat. Dabei kann sie das Wegfahren von Zuhause eigentlich gar nicht ertragen ...

Im Alter von 73 Jahren bricht Irmgard sich bei einem unverschuldeten Autounfall beide Beine. Die Wunden heilen nicht mehr, die Ostpreußin bleibt an den Rollstuhl gefesselt. Wie viele der beinamputierten Soldaten, die sie als Schülerin pflegen musste ... Ein reduziertes Leben.

Aufarbeitung durch die Nachkommen

In Therapiegruppen, im Austausch mit anderen Betroffenen, beginnt die Autorin zu verstehen, in welcher Weise nicht nur sie selbst, sondern viele Nachkommen die Traumata ihrer Elterngeneration übernommen haben. Sie beschäftigt sich mit dem Leben und Erleben ihrer Mutter unter anderem anhand von deren Tagebüchern, die in Auszügen im Buch wiederzufinden sind.

Als 1991 erstmals Reisen in den nördlichen, jetzt russischen Teil Ostpreußens möglich werden, besteigt Gabriele Schreib den ersten Reisebus, der Gumbinnen anfährt. Dort gewinnt das, was sie vor allem von ihrer Tante über die “kalte Heimat” erzählt bekam, endlich lebendige Gestalt. Die dritte und letzte Reise macht sie 2009 nach dem Tod ihrer Mutter. Und dabei spürt die Autorin, dass auch sie ein “Marjellchen” ist und dass auch in ihr ein Stück Ostpreußen steckt.

Offener Kanal Kiel


Bei der Lesung aus meinem neuen Buch "MARJELLCHEN" im Hof Akkerboom am 14.11.2012 wurde vom Offenen Kanal Kiel

(http://www.okkiel.de/ki/sehen/livestream_kiel_tv/index.php)

ein zweistündiger Mitschnitt gemacht, der wegen der großen Nachfrage schon recht oft gesendet wurde. Wann die Sendung noch einmal ins Programm aufgenommen wird, bitte ich den Programmen zu entnehmen.

Das Thema - gerade wieder ganz aktuell geworden - interessiert doch eine Menge Menschen der verschiedenen Generationen, das habe ich an den vielen Rückmeldungen gesehen, für die ich mich hiermit bei allen gerne nochmal ganz herzlich bedanke.